Professor Dr. Heinz-Günther Schöttler sprach vor den Teilnehmern zum Thema “Verstummen, klagen, anklagen, schweigen…Wenn die Würde von Menschen und die Rede von Gott auf dem Spiel stehen.”

Trier – Sie sind dann da, wenn die Welt zusammenbricht: Notfallseelsorger stehen in existenziellen Extremsituationen bei, die über andere Menschen hereinbrechen und sie sprachlos zurücklassen. Ein schwerer Unfall, der Tod des Kindes, private wie große Katastrophen. Erstmals hatte der Arbeitsbereich Diakonische Pastoral des Bischöflichen Generalvikariats, in der die Notfallseelsorge angesiedelt ist, am Samstag, 24. September, zu einer Tagung geladen, die sich speziell an die rund 150 in der Notfallseelsorge Tätigen des Bistums Trier wendet. „Es soll ein spiritueller Impulstag sein“, sagte Brigitte Scherer, eine der Organisatoren. „Es geht darum zu fragen, wo nehmen wir unsere Kraft her, um den Menschen beistehen zu können?“
Rund 40 Teilnehmer waren der Einladung ins Trierer Robert-Schuman-Haus gefolgt. Sie beschäftigten sich in Kleingruppen mit Themen wie Ohnmachtserfahrungen, den Umgang mit dieser Erfahrung und mit Fragen der Motivation und der Kraftquellen für ihre Arbeit.
Als Gastreferent war Professor Dr. Heinz-Günther Schöttler aus Regensburg eingeladen. Er sprach zum Thema „Verstummen, klagen, anklagen, schweigen… Wenn die Würde von Menschen und die Rede von Gott auf dem Spiel stehen.“ Anhand von Stellen aus dem Alten Testament und Berichten aus der heutigen Zeit beleuchtete er die schwierige Aufgabe der Notfallseelsorger aus pastoraltheoretischer Sicht.
„Solche Situationen, wie Sie sie erleben, produzieren die Frage: Wer ist eigentlich dieser Gott, der so etwas zulässt“, wandte sich der Theologe an seine Zuhörer. „Sie sind an Orten tätig, in dem die Würde des Menschen und die Rede von Gott auf dem Spiel stehen.“ Anhand verschiedener Bibelstellen aus dem Alten Testament zeigte er neue Facetten des „eigentlich unmalbaren Gottesbildes“ auf. Wie beispielsweise das des angeklagten Gottes, der eben nicht, wie es die abendländische Vorstellung laut Schöttler transportiere, vor Verurteilung zu retten ist, damit er keinen Schaden nehme. „Gerade in prekären Situationen denke ich, könnten diese Facetten des Gottesbildes hilfreich sein.“
„Wir spüren, dass es zur Verantwortung gehört, vorsichtig von Gott zu sprechen, manchmal auch den Mund zu halten.“ Die kirchliche Rhetorik sei in manchen Situationen „hochtoxisch“. Oftmals werde der Eindruck erweckt, dass das Ziel der Kirche sei, so zu denken, dass Gott nicht geschadet wird. „Ihre Grundhaltung als Seelsorger sollte aber sein: Sie müssen Gott nicht retten, wenn er Gott ist, kann er selbst machen. Sie könne die Anklage Gottes zulassen und den Menschen damit ihr schlechtes Gefühl nehmen. Wir denken Gott zu allmächtig.“ Auch eine Anklage sei eine Beziehungsaufnahme. Als biblisches Beispiel, in dem Gott angeklagt wird, zog er etwa das Klagelied in Jesaja 63 und 64 zu Rate.
Er gab den Notfallseelsorgern auf den Weg: „Die Warum-Frage ist nicht zu beantworten. Wenn wir aber permanent so tun, als wäre sie es, geben wir den praktischen Atheisten eine Basis. Beantworten Sie also nicht Fragen, die nicht zu beantworten sind.“
Quelle: Bistum Trier